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Publizistin und Psycho-Therapeutin
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Astrid von Friesen, Gerhard Wilke: „Generationen-Wechsel: Normalität, Chance oder Konflikt?“

Psychologie, Bd. 58, 258 S., 34,90 €, br, ISBN 978-3-643-13520-9

Generationenwechsel

Astrid von Friesen: „Was ist bloß mit den Jungen und Söhnen los?“

Videoaufzeichnung, ost-west-forum Gut Gödelitz e.V. am 08. März 2014



Kommentar für den MDR Figaro am 20.4.2007

Elternschelte

Ungarische Kinder und Jugendliche haben es gut. Weit besser als deutsche. Die 15jährigen ungarischen Teenager sagten bei der kürzlich vorgestellten Unicef Kinderfreundlichkeitsstudie folgendes: 90 Prozent von ihnen würden mehrmals in der Woche mit ihren Eltern sprechen. Einfach nur sprechen, reden, kommunizieren, zuhören, antworten, fragen... Eine Selbstverständlichkeit? Mitnichten. Fast die Hälfte aller deutschen Eltern sprechen „einfach nur so“ fast niemals mit ihren angeblich so geliebten Kindern.

Die Erwachsenen reden zu wenig in den Familien. Offensichtlich weder die vielen, die ganztägig zu Hause sind, noch diejenigen die arbeiten, aber doch so viel Freizeit haben, wie noch nie in der Menschheitsgeschichte. Befehle werden erteilt wie: „Räum auf!“, „Mach deine Schularbeiten“, „Komm rein!“, „Putz dir die Zähne“. Doch wirkliches Reden heißt: sich gegenseitig wahrzunehmen. Den Menschen als Mensch zu schätzen, ihn ergründen zu wollen, ihn neugierig zu betrachten und zu erforschen, ihn in seinen Lebensäusserungen zu respektieren.

Der Dichter Gottfried Benn formulierte es folgendermaßen: „Kommt, reden wir zusammen/ wer redet, ist nicht tot...“.

Doch eine Familie, in der die Eltern nicht mit den Kindern reden, stelle ich mir tot vor. Tot, unlebendig, steril, aggressiv. Denn was passiert alles nicht wenn tiefes Schweigen herrscht? Dann erziehen die Eltern nicht, denn das sollte in erster Linie über Gespräche passieren. Dann vermitteln sie keine Werte, denn es muss immer wieder erklärt werden, warum man nicht schummeln, lügen, stehlen, schwindeln darf. Dann führen sie ihre Kinder nicht in die Welt ein, denn die ist so groß und kompliziert, die muss jeden Tag neu erörtert werden. Dann begleiten die Eltern ihre Kindern nicht beim Lernen mit anderen Menschen umzugehen, denn das Zwischenmenschliche ist ja so unendlich verwirrend. Auch wird die Angst und schließlich der Hass auf alle Fremden sich steigern, denn andere Sitten, Gebräuche, Biografien müssen auch sprachlich vermittelt werden. Dann lehren die Eltern nicht die eigene Muttersprache und dadurch kein Denken und ihre Kinder werden dumm gehalten.

Fast die Hälfte aller eingeschulten Kinder haben ja mittlerweile Sprachentwicklungsstörungen. Weil keiner mit ihnen redet, sie vor den Medien verwahrlosen! Dann werden ihnen auch keine demokratischen Grundregeln vermittelt, kein Gefühl für gesellschaftliche Spielregeln, weder Selbstdisziplin noch Selbstbewusstsein, weder Liebes- noch Bindungsfähigkeit. Und sie werden einsam gemacht, aktiv einsam gemacht!

Auch erfahren die Kinder keine Wertschätzung, denn die erhalten wir alle - neben dem Körperkontakt - durch Worte, durch Aufmunterungen, durch Tröstungen, durch Dankbarkeit, durch Lob, durch ausgedrückte Freude.

Dann gibt es keine Ausschüttung des Glückshormons Dopamin, welches bei Lob produziert wird. Kinder und Jugendliche holen es sich ersatzweise durch die Internetspiele, durch virtuelle Freunde. Das meiste Dopamin wird bei Gewaltspielen ausgeschüttet, in dieser Situation des „idealen Lernens“: Durch die Koordination von Kopf und Hand, durch 1000fache Wiederholungen und durch die sofortigen Belohnungen! Das hat Suchtpotential!

Liebe bleibt ein hohler Begriff, wenn wir sie nicht äußern und kundtun! Wo manifestiert sich Elternliebe, wenn diese nicht mit ihren Kindern reden? Wen wundert es, dass die deutschen Jugendlichen den stärksten Alkoholkonsum in Europa haben? Sie müssen den häuslichen Frust, die familiäre Kälte hinunterspülen, die grenzenlose Einsamkeit in einem sprachlosen, d.h. kontaktlosen Zuhause!

In der Psychologie kennen wir den Begriff der „passiven Aggression“. In der Familie nicht miteinander zu reden ist solch eine passive Aggression. Es ist aggressiv, den nahen Mitmenschen derart links liegen zu lassen, zu ignorieren. Es hat fast eine emotionale Vernichtungsqualität, denn die Kinder sind abhängig von den Eltern, sie können nicht auswandern. Aber sich betrinken, Schulleistungen verweigern und - man kann es ihnen fast nicht verdenken - aggressiv oder selbstzerstörerisch werden.

Fazit und Forderung: 35 Prozent Krippenplätze, Ganztagskindergärten, Ganztagsschulen müssen her, damit diese mehr als 40 Prozent aller deutschen Kinder und Jugendlichen gute Kommunikation erfahren, damit sie von guten Erziehern in kleinen Gruppen wahrgenommen und in ihrer Menschlichkeit bestätigt werden. Denn diese Defizite lassen sich vielfach später nicht beheben oder ausgleichen, sie prägen Kontaktlosigkeit, Bindungsunfähigkeit und Kälte, auch demokratisches Unvermögen! Bis in die nächste und übernächste Generation hinein!



Diese Seite wurde am 06.05.2014 aktualisiert.