http://www.astridvonfriesen.de
Publizistin und Psycho-Therapeutin
http://www.astridvonfriesen.de
 
Home Vita Gestalt- und Traumatherapeutin Therapieformen Bücher Vorträge, Lesungen, Seminare Hörfunk Links Kontakt Impressum

Astrid von Friesen, Gerhard Wilke: „Generationen-Wechsel: Normalität, Chance oder Konflikt?“

Psychologie, Bd. 58, 258 S., 34,90 €, br, ISBN 978-3-643-13520-9

Generationenwechsel

Astrid von Friesen: „Was ist bloß mit den Jungen und Söhnen los?“

Videoaufzeichnung, ost-west-forum Gut Gödelitz e.V. am 08. März 2014



Kommentar für Deutschlandradio Kultur am 16.05.2013

Piercing, Tätowierungen, Schönheitsoperationen, Selbstverstümmelungen

Tierschützer laufen Sturm gegen das Brandzeichnen von Pferden. Vergleichbare, nicht weniger eingreifende Körperveränderungen bei Menschen nehmen dagegen zu. Das sind Piercing, Tätowierungen, Ganzkörperrasuren, Schönheitsoperationen bis hin zu extremen Selbstverstümmelungen. Denn manche Menschen haben das chronische Bedürfnis sich z.B. die Beine amputieren zu lassen, was ihnen mittlerweile in England auch gestattet wird.

Dies sind aktuelle Formen des uralten Kampfes sich von der Natur abzugrenzen. Bei den Urvölkern dienten Bemalungen und Piercings dazu Entwicklungsübergänge aufzuzeigen, wie den sozialen Rang oder den ehelichen Status. Es ging und geht immer um die Zugehörigkeit zu abgegrenzten Sub-Gruppen innerhalb einer Gesellschaft.

Seit den Griechen ist das westliche Ideal bislang der unversehrte Körper gewesen, wie Gott ihn geschaffen hat. Doch die Nazis veränderten dies: Sie brandmarkten ihre Opfer in den KZ´s ebenso wie ihre Angehörigen der SS. Bisher galten diese Körpereingriffe als Sünde gegen Gott. Doch in unserer Zeit spielen die Menschen Gott, indem sie meinen, ihre Körper vervollkommnen zu müssen.

Die Entdeckungsreisenden hatten diese Art der Selbstveränderungen aus Ozeanien nach Europa gebracht. Deswegen mendelte sich diese Mode von den Matrosen über die Kriminellen zunächst in die Unterschicht und nun in die Mittelschicht, denn mittlerweile sind mehr als 50 Prozent aller 18-24jährigen tätowiert.

Es sind sowohl öffentliche wie private Mitteilung: Liebesbeziehungen, Schwüre, Dank nach schweren Krankheiten  - wie bislang auf Votivtafeln -  werden symbolisiert, man signalisiert Insider oder Outsider zu sein. Das ICH betont seine Individualität durch diese Körperbilder, durch den Mut zur Selbstverletzung beim Piercing oder den vergrößerten Busen  - gegen die als immer unerträglicher empfundene Fremdbestimmung.

Heute geht es um individuellen Protest gegen das Schönheitsideal der Natürlichkeit. Als wild und ungezähmt möchte man sich von der Elterngeneration abgrenzen und merkt nicht – wie alle Pubertierenden zu allen Zeiten, dass man sich nun einem anderen Gruppenzwang unterwirft.

All dies sind Kompensationen des Narzissmus. Sie verweisen auf ein niedriges Selbstwertgefühl und innere Leere. Gesucht werden Reize und Risiko. Dies entsteht, wenn das Kind nicht wirklich als einmalig durch die Eltern wahrgenommen wird; die verschlüsselten Hilfeschreie nehmen zu.

Erklärlich auch deswegen, weil wir seit der Steinzeit symbolische Mitteilungen von kultureller Bedeutung indirekt kommunizieren, indem wir sie auf dem Körper lesbar machen. Vorzugsweise an Körperteilen, die mit Tabus und Gefahr verknüpft sind wie etwa die Geschlechtsteile, die Brustwarzen, die Nase oder der Mund.

Bei den Jugendlichen befürworten auch ca. 80 Prozent unterschiedliche Grade an Ganzkörperrasur, verknüpft mit dem unbewussten Wunsch nach einem perfekten, geruchlosen und glatten  Körper, also dem vorpubertären Kinderkörper.

Menschen, die sich selbst beschädigen, d.h. ritzen sind oftmals auch tätowiert. Sichtbar bei Psychiatriepatienten, verweisen sie nicht selten auf Gewalterfahrungen und sexuelle Übergriffe in der Kindheit: Durch die freiwillige Wiederholung entsteht ein Gefühl von Selbstkontrolle.

Warum verstärkt sich dieser Trend gerade heute? Wir leben in Zeiten, in denen jeder seine Biografie selbst erfindet. Dass wir bald unser Geschlecht freiwillig wählen sollen, wird bereits diskutiert. Unsere Kleidung diente bisher durch die Markenbetonung als Brandzeichen für den Status.

Nun hat es die Körperoberfläche erreicht: Der Körper als Projektionsfläche für die selbst konstruierte Identität. Da wir auch unter der Schnelllebigkeit leiden, verpassen wir dem Körper beständige Bilder, Male, stolz getragene sichtbare Verwundungen.


Diese Seite wurde am 06.05.2014 aktualisiert.